Barbara Büchners Unheimliche Phantastik
Barbara Büchners UnheimlichePhantastik

Wenn Sie Interesse an meiner Arbeit haben und ein neues Projekt planen, wenden Sie sich bitte an die   Agentur Ashera  die mich nach einer langen, fruchtbaren literarischen  Zusammenarbeit mit Alisha Bionda nun auch geschäftlichvertritt.

Alisha Bionda

Agentur Ashera

 

Post@agentur-ashera.net

Leseprobe "Black Mill"

 

Black Mill – Die Knochenmühle

1

Eine rumänische Volkssage

„Hör mir zu, Müller“, sagte der Teufel zu Jozef Mazilescu, „ich kenne dich; du bist kein Hasenfuß und weißt, was gutes Geld wert ist; willst du ein Geschäft mit mir abschließen? Du brauchst mich nur in jeder Neumondnacht in deiner Mühle mahlen lassen. Dazu genügt mir der vierte Gang, auf den drei anderen Gängen kannst du allezeit mahlen, was du willst.“ Mit diesen Worten ließ er ein paar klingelnde Goldfüchse über den Tisch rollen.

Das Angebot gefiel dem Müller (der unersättlich habgierig war), und so kamen sie überein. Der Müller mahlte auf drei Gängen das Getreide, das ihm die Bauern brachten, und auf dem vierten Gang mahlte der Teufel Pferdehufe und Totengerippe, die er bei Neumond um Mitternacht in einem Karren mit kopflosen schwarzen Pferden anlieferte. War er mit Mahlen fertig, so füllte er alles in schwarze Säcke, die er selbst mitgebracht hatte, band sie ordentlich zu, warf sie auf den Karren und fuhr mit Hü und Hott in die Hölle zurück. Der neue Teilhaber zahlte pünktlich, und alles wäre in Ordnung gewesen, hätte nicht ein Zufall den Müller neugierig gemacht. Oder war es vielleicht der Teufel selbst gewesen, der ihm eine Falle stellte? Jedenfalls sah Mazilescu eines Tages ein goldenes Körnchen, so groß wie ein Getreidekorn, unter dem Stutzen liegen, aus dem das Mehl in die Säcke rieselte. Als er nun genauer nachsah, entdeckte er noch eines, und noch eines, und nun wurde ihm klar, dass der Teufel alle diese Totengerippe zu Gold mahlte.

Er sagte aber niemand etwas davon, sondern eines Nachts, als er allein in der Mühle war, schlich er mit einem Häfen Leim und einem dicken Pinsel hinzu und malte im Inneren auf dem schrägen Boden des Abfüllschachts einen handbreiten, klebrigen Streifen. Und von da an blieben immer viele der kostbaren Körner dort kleben. Der Teufel, dachte Jozef Mazilescu, würde es schon nicht bemerken, denn wenn der goldene Strom anschwoll, verdeckte er die Falle und rauschte darüber hinweg. War der Böse mit seinem höllischen Fuhrwerk verschwunden, so kratzte der Müller eifrig die Goldkörner aus dem Stutzen.

So wurde Mazilescu immer reicher, und eines Tages fiel das seinem Weib auf. Sie nahm ihn ins Gebet, und wer kann schon widerstehen, wenn ein solcher Weibsteufel, wie es die Müllerin war, einem Mann sein Geheimnis entreißen will? Nachdem sie ihm recht gründlich das Gesicht zerkratzt hatte, legte Jozef ein Geständnis ab. Die Müllerin zeterte und keifte, sie warf ihm alle Schimpfnamen an den Kopf, die ihr nur einfielen – aber das nicht etwa, weil er mit dem bösen Feind ein Geschäft gemacht hatte, und auch nicht, weil er diesen dabei betrogen hatte, sondern weil er sich mit einem handbreiten Streifen Leim begnügt hatte! „Hättest du Holzkopf den ganzen Schacht innen mit Leim bestrichen, so wäre viel mehr hängengeblieben!“, geiferte sie. „Was ist so ein Mann doch für ein dummes Tier! Geschwind, hol den Leim! Was den Teufel angeht, da trifft es keinen Armen, also lass uns nur mit vollen Händen zugreifen…“

Und der Müller, von zwei Peitschen gleichzeitig angetrieben, nämlich von seiner Habgier und der Angst vor seiner Frau, tat, was sie ihn geheißen hatte.

Der Teufel muss es aber wohl doch gemerkt haben, wie er betrogen wurde, denn beim nächsten Neumond packte er den Müller und sein Weib und riss ihnen beiden das Herz aus der Brust. Die Körper aber hängte er an den Segeln ihrer Windmühle auf. Und da niemand wagte, sie herunterzuholen, blieben sie dort oben hängen, und wenn der Wind wehte, schwebten die beiden Leichen immerzu auf und ab, auf und ab, bis sie schließlich völlig verwittert waren und ihre Knochen zu Boden plumpsten.“

2

 „Gewonnen, Meikart! Was habe ich dir gesagt? Die schwarze Mühle ist kein rumänisches Volksmärchen, wie unser schlauer Herr Kollege Schonhoff in seinem albernen Buch behauptet! Sie existiert – da, genau vor unseren Augen – und sie ist auch noch verdammt gut erhalten!“

Das Motorbrummen des Hummer erstarb, als John Bolton beim ersten Anblick der Mühle anhielt. Es war ein regnerischer Sommertag, der seinem Ende zuging, und das bucklige, in der Ferne von zackigen Bergen begrenzte Plateau in einer der hintersten Ecken Rumäniens machte einen unvorstellbar trübseligen, verlassenen  Eindruck. Seit gut zwei Stunden hatten die beiden Parapsychologen  keine menschliche Ansiedlung mehr gesehen, und diese letzte hatte aus ein paar moosbewachsenen Grundmauern und halb eingestürzten Kaminen bestanden. Schwere Wolken, anzusehen wie zerlumpte Säcke, hingen über einer ehemals bewirtschafteten, jetzt aber seit langem völlig verwahrlosten Landschaft, die bewachsen war von Krüppelbäumen, borstigem Gras und Dornbüschen. Schon auf der Fahrt war den Männern aufgefallen, dass die Vegetation mit jedem zurückgelegten Kilometer kümmerlicher wurde und selbst die wilden Rosen hier nur kleine, missfarbene und verschrumpfte Blüten trugen, als hätte sie mitten im Juli ein bitterer Frost gestreift. Von einer Straße hatte keine Rede sein können; nicht einmal einen Güterweg gab es mehr, nur den beinahe gespenstischen Schatten einer Karrenspur, die vor endlos langer Zeit zuletzt befahren worden war. Man musste es geradezu ein Wunder nennen, dass sie den Ort überhaupt gefunden hatten, erst das verfallene Dorf und jetzt die sagenumwobene Mühle selbst. Sobald diese in Sicht kam, wurde auch die Straße besser – bemerkenswert besser. Es war allerdings keine moderne Asphaltstraße, sondern ein mit dicken Feldsteinen gepflasterter, einspuriger Weg, der in Bolton Erinnerungen an römische Landstraßen weckte. Damals, dachte er, hatten die Leute wahrhaftig noch für die Ewigkeit gebaut! Auch die Mühle – eine erstaunlich große, wehrhafte Ansammlung von Gebäuden – war kaum vom Zahn der Zeit benagt worden.

Ronnie Meikart, der ein notorischer Pessimist war, brummte in seinen Bart: „Ein bisschen sehr gut erhalten für einen dreihundert Jahre alten ländlichen Zweckbau! Mann, sogar die Fludern sind noch dran! Von dem Dorf da hinten stehen nicht einmal mehr die Grundmauern, aber das Ding sieht aus, als könnte man es jederzeit in Betrieb nehmen! Es könnte…“ Plötzlich blinzelte er und fuhr sich mit der Hand über die Augen. „John, sag mir, ob ich Halluzinationen habe! Drehen sich die Flügel tatsächlich?“

 

 

Ja, die Flügel drehen sich ... und nicht umsonst, denn aus dem Innenraum der Mühle dringt das Rattern und Klappern des Mahlwerks herauf! Und dann entdeckt John Bolton in dem dunklen Flur etwas Glitzerndes ... Goldkörner, die eine verlockende Spur bilden. Als er sie hastig aufsammelt, gerät er immer tiefer in die Black Mill - die Knochenmühle! Und der Teufel schläft auch nach dreihundert Jahren nicht!